Die wahren Helden des Sauerlands – Sauerland Klassik

Einige Cabriofahrer nutzten jeden Sonnenstrahl aus.
Bei der Oldtimer-Rallye Sauerland Klassik warfen wir einen Blick auf 128 Old- und Youngtimer. Weitaus aufregender als die schicken Schlitten der Nachkriegsära muteten darunter einige offene Vorkriegsklassiker an. Denn sie mussten bauartbedingt ohne Verdeck starten – egal, welche Kapriolen das Wetter auch schlug.

Mit einem christlichen Segen schickt Pfarrer Dr. Christof Grote nach dem Fahrerbriefing in der Attendorner Erlöserkirche 128 Young- und Oldtimer auf die dreitägige Tour durch das Land der 1000 Berge. Die Copiloten und ihre Chauffeure starten im 30-Sekunden-Takt zum Prolog der 618 Kilometer langen Oldtimer-Rallye, die kreuz und quer durchs Sauerland führt. Das Team der Autostadt in Wolfsburg tritt mit einem brasilbraunen Käfer 1303 Cabriolet des Baujahres 1979 – mit offenem Verdeck natürlich wesentlich attraktiver als mit geschlossenem – und einem dunkelroten VW Derby an. Mit diesen beiden Oldtimern läutet der Premiumsponsor vom 4. bis zum 7. Oktober 2017 bei der Sauerland Klassik das Ende der Saison ein. Die erste Nachmittagsetappe verläuft entspannt, der Himmel reißt nach einem ausgiebigen Dauerregen auf und lässt Hoffnung auf sonniges Wetter aufkeimen.

Doch die Temperaturen sinken und auch der zweite Veranstaltungstag sieht nicht wirklich nach Cabriowetter aus. Die Route wird an sechs Stauseen entlang führen und gibt dem „Tag der Talsperren“ seinen Namen. Das darin enthaltene Wasser ist Programm, Regenjacken und Schirme stehen hoch im Kurs. Zu Gast im Autostadt-Käfer ist heute der Kunst- und Französisch-Lehrer des Attendorner Rivius-Gymnsiums, Gregor Gülker. Andreas Hornig, Technischer Leiter des Automobilmuseums ZeitHaus in der Autostadt, begrüßt ihn herzlich. „Das Auto haben wir vom Erstbesitzer gekauft, der es mit einer Standheizung ausstatten ließ und es bestens pflegte“, stellt Hornig den Wagen vor. „Mehr Cabrio braucht kein Mensch. Und mit dem 50-PS-Motor werden wir zügig durch das Sauerland kommen.“ Doch es ist noch genügend Zeit, um sich vor dem Start Schaufenster anzusehen.


Links: auch ein Profiteam von Skoda erregte einiges Aufsehen. Rechts: ob alt oder jung, die Zuschauer zeigten großes Interesse.

„Hier drüben hängt zum Beispiel ein blaues Käfer Cabriolet offen und eins mit geschlossenem Verdeck“, antwortet Gülker auf die Frage, was denn seinen 389 Schülern zum Thema „Sauerland Klassik“ eingefallen war. Denn alle Teilnehmer seiner Kunstkurse hatten nach den Sommerferien die Aufgabe, zu diesem Thema etwas zu malen. Jetzt dekorieren die Kunstwerke einige Schaufenster am Alten Markt und in der Wasserstraße in Attendorn – dort, wo der Startbogen der Sauerland Klassik steht und sich die Teilnehmer vor dem Start und nach der Ankunft im Ziel tummeln. Gülker zeigt Andreas Hornig die Bilder, die wunderbar die Silhouette und die runden Formen des beliebten Klassikers wiedergeben, in dem die beiden heute an den Start gehen. Er berichtet von der Bedeutung der Sauerland Klassik in Attendorn. „Unsere Schüler haben vier Wochen lang gemalt – Oldtimer, das Logo der Sauerland Klassik und das Sauerland. Bei uns ist die Rallye ein großes Thema, die ganze Region ist seit Wochen aufgeregt.“

Hornig und Gülker steigen ein, der Käfer mit der Startnummer 33 fädelt sich in der Attendorner Fußgängerzone brav zwischen die Nr. 32, einen Jaguar Mk II, und die Nr. 34, einen Mercedes-Benz 300 SL. Gülker hat am Vortag schon bei einem anderen Teilnehmer, einem Rallye-Profi, Unterricht genommen. „Ich habe schon ganz schlecht geschlafen, weil ich befürchtete, das Roadbook nicht richtig lesen oder den Tripmaster nicht bedienen zu können.“ Das Profi-Equipment bleibt ihm erspart. „Man kann auch mit einem Reisewecker gute Zeiten fahren, Hauptsache er hat einen Sekundenzeiger“, beruhigt ihn Andreas Hornig, der im Auftrag der Autostadt etwa sechs bis acht Rallyes pro Jahr fährt. „Am besten schauen Sie erst einmal zu.“ Mit einem lässigen „Go!“ fährt Hornig durch eine Lichtschranke in eine Wertungsprüfung. Der Co-Pilot zählt die vorgegebenen Sekunden bis zum Ziel. Exakt bei „Null“ durchbricht die Stoßstange des Käfers die Ziel-Lichtschranke. „Das war‘s auch schon.“ Gülker muss lachen, als er merkt, dass seine Anspannung umsonst war und die kurzen Prüfungen eher Spaß machen.

Selbst das Wetter kann die Stimmung nun nicht mehr verhageln. „Das ist bei uns keine Seltenheit, und wenn man mal ehrlich ist, ist das eben das eigentliche Sauerland-Wetter“, sagt Gülker, als das Cabriolet durch das mit dunklen Wolken und Nieselregen verhangene Enkhausen rollt. Die weiteren sechs Prüfungen und die insgesamt 279 Kilometer des Tages ziehen wie im Flug vorbei. An den Strecken der sauerländischen Straßen hat man ebenfalls Spaß an den vorbeirauschenden Boliden. In Oberveischede hat eine Gruppe von Fans gar einen Bierwagen aufgestellt und ein Lagerfeuer angezündet, um den Teilnehmern im rustikalen Ambiente zujubeln zu können.

Startaufstellung zum Flugplatzrennen: Zwei Autos fahren parallel die gleiche Strecke in der gleichen Zeit.

Am Ziel in Attendorn treffen Hornig und Gülker die wahren Helden der Veranstaltung: die Fahrer der Vorkriegsklassiker, die bei ca. zehn Grad den ganzen Tag lang offen gefahren sind. Im Ziel nehmen die einen lächelnd triefnasse Handtücher vom Armaturenbrett und wringen sie genüsslich aus, andere schälen sich zufrieden aus ihrem offen Vorkriegs-Zweisitzer und dann aus ihrem Regen-Cape, um es über den heißen Kühler zum Trocknen zu hängen. Die Besatzung der Startnummer 10 – Alexander Haller und Lisa Senger in einem 1936er Riley 12/4 Special – haben mit Helmen und Ganzkörper-Suits vorgesorgt. „Wir hatten eigentlich die Hoffnung, dass das Wetter so sensationell ist wie vor zwei Jahren bei der ersten Sauerland Klassik“, sagt Haller, der in Berlin eine Restaurierungswerkstatt für klassische Automobile betreibt und ein überzeugter Liebhaber von Vorkriegsfahrzeugen ist. „Es ist zwar schade, aber ich würde trotz Regen keinen anderen Oldtimer nehmen wollen, weil mir nur das Fahren mit Vorkriegsoldtimern Spaß macht.“

Doch des Wassers noch nicht genug. Für das Fahrer-Fest tauschen die Piloten abends ihre Oldtimer gemeinsam gegen ein Passagierschiff ein. Auf der MS Westfalen halten Rallyeleiter Peter Göbel und die Agentur Plusrallye eine besondere Überraschung parat. Der in Attendorn aufgewachsene Organisationschef lädt die über 300 Mann starke Rallye-Gemeinde auf eine Fahrt auf dem Biggesee ein. Mit den Klängen von „Il Silencio“ – am dunklen Ufer von Trompeter Ingo Samp intoniert – und einem anschließenden Höhenfeuerwerk versetzen Göbel und seine Mannschaft die Teilnehmer in beste Stimmung, die auch beim Start am nächsten Morgen noch zu spüren ist. Lisa Sänger und Alexander Haller gehen bei noch gesunkenen Temperaturen und trotz leichter Halsschmerzen erneut mit dem offenen Boliden an den Start. Ebenso wie das Ehepaar Finkemeier, das sich in einem Rally AZ Cyclecar aus dem Jahr 1924 seit zwei Tagen über die nassen Straßen kämpft, lässt sich der nicht gerade kleine Fahrer eines roten Jaguar E-Type Cabriolets den Spaß nicht nehmen und fährt offen. Seine Kopfbedeckung ist schlicht eine zugezogene Kapuze. Diese ragt etwa 10 Zentimeter über die Windschutzscheibe heraus. „Alles noch besser als bei geschlossenem Verdeck mit schief gelegtem Kopf und ständig beschlagenen Scheiben zu fahren.“

An einer historischen Tankstelle wurden Süßigkeiten verabreicht.

Das Teilnehmerfeld nimmt heute die Straßen des Hochsauerlands und des benachbarten Siegerlands unter die Räder. Dabei stoppen die automobilen Klassiker vormittags auf dem Schützenplatz von Schmallenberg, am Kahlen Asten – mit 841 Metern der höchste mit dem Auto befahrbare Punkt von Nordrhein-Westfalen -, am Schloss Bad Berleburg, im oldtimerverrückten Berghausen sowie am „Bierbrunnen“ in Bad Laasphe. Mit Christian Pospischil trifft das Autostadt-Team mittags im Jagdhof Glashütte einen prominenten Gast, der die letzte Etappe begleiten wird. „Schon vor zwei Jahren habe ich es genossen, in einem offenen Oldtimer zu fahren“, schwärmt der Bürgermeister von Attendorn und nimmt im Fond des geschlossenen Käfer Cabriolets Platz. Er ist seit drei Jahren im Amt. Man kennt ihn auch unter den Teilnehmern, zu denen viele Firmeninhaber aus der prosperierenden Region rund um Attendorn gehören. „Mir gefällt als Cabriolet zum Beispiel auch der Mercedes-Benz 300 SL, in dem ein Attendorner Unternehmer hier bei der Rallye unterwegs ist, aber am meisten faszinieren mich diese offenen Vorkriegsfahrzeuge“, schwärmt Pospischil. Die hartgesottenen Burschen in ihren röhrenden Kisten hinterlassen eben Eindruck. Eine derartige Tour in einem Oldtimer mit Vorkriegstechnik – unsynchronisiertes Getriebe, schmale Reifen, Trommelbremsen, Blattfederung, ohne Servolenkung – hinter sich zu bringen, erfordert fahrerisches Können und viel Kraft. Am Ziel werden dafür insbesondere die ältesten Klassiker von einem begeisterten Attendorner Publikum gefeiert. Als sich jedoch Pospischil vom Rücksitz des Käfer Cabriolets auf den Alten Markt schält, gilt ihm – empfangen von Veranstalter Peter Göbel – der Applaus des Publikums. Die Sauerländer scheinen stolz zu sein, eine solch hochkarätige Veranstaltung selbst bei Sauerland-Wetter professionell hinlegen zu können – zu Recht.

Text: Renate Freiling

Fotos: Sauerland Klassik

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