Im Club der Millionäre – California Mille

Nicht nur viele Autos sind Legenden, auch manche Fahrer − hier US-Rennfahrer Hurley Haywood.
Mit einem offenen Porsche durch Kalifornien zu cruisen, ist schon mal klasse. Das in einem alten 356er 1600 Convertible D zu tun, ist noch schöner. Aber dann dabei auch noch von 70 weiteren faszinierenden Klassikern begleitet zu werden, ist unschlagbar: Die Rallye „California Mille“ sprengt Grenzen.

Der Porsche von Chuck House sieht aus wie viele. Immerhin rund 86.000 Coupés und Cabrios wurden von 1949 bis 1965 gebaut. Etwa die Hälfte ging nach Amerika, und davon wiederum etwa die Hälfte nach Kalifornien. Kein Wunder, dass hier noch so einige herumfahren. Doch Houses Cabrio ist einzigartig.

Das liegt nicht nur an den „Matching Numbers“, also noch originalem Motor, Getriebe und mehr. Nein, es ist auch unrestauriert (nur vorne wurde neu lackiert) und in einem bestechenden Zustand. Von diesem Modell wurden nur 1331 Stück gebaut – seines stammt aus dem Jahr 1958, glänzt in 5704 (Ivory) und wurde von dem berühmten Auto-Importeur Max Hoffmann besorgt, um an einen Dick Morrison in Florida ausgeliefert zu werden. Der Pilot setzte den Wagen bei lokalen Rennen ein, bis das gute Stück für 40 Jahre in seiner Garage verschwand. House, lange Jahre Präsident des amerikanischen Porsche 356-Registry und passionierter Scheunenfundfinder, entdeckte und kaufte den Wagen. Einst in Deutschland 12.650 Mark teuer, liegt der heutige Wert von Houses Exemplar irgendwo zwischen 250.000 und 300.000 Dollar. Das hat seinen Grund: Es besitzt einen niedrigeren Frontscheibenrahmen als alle anderen Pendants. Der wurde tatsächlich von der Fabrik so eingesetzt, was das Auto als Testwagen oder Prototypen ausweist, der eigentlich nicht so in den Verkauf gehen sollte.
Das ist nur einer von vielen Gründen, warum Houses Porsche wunderbar in die Phalanx der Edelkarossen bei der „California Mille“ passt – eine Oldtimer-Rallye (mit Autos bis Baujahr 1962) knapp 1600 Kilometer durch den „Golden State“. Die Idee zu einer US-Mille-Miglia stammt vom Amerikaner Martin Swig, der 1982 bei dem Original in Italien mit seinem 55er Alfa Romeo 1900 Zagato teilnahm. Er und sein Beifahrer waren die einzigen Amerikaner – was sie auf die Idee brachte, die Mille in ihren Heimatstaat zu holen. 1991 startete die erste California Mille – am altehrwürdigen Freemont Hotel in San Franzisko. Seitdem tourt jedes Jahr – inzwischen organisiert von den Gründersöhnen David und Howard Swig – eine Horde von rund 70 ausgewählten Edelkarossen über die schönsten Straßen des Staates, in jedem Jahr eine andere Route.


Das Teilnehmerfeld ist in jedem Jahr besonders exklusiv. Und es wird gerne offen gefahren.

Etwa ein Drittel aller Teilnehmer sind in jedem Jahr US-Mille-Novizen. Das Ziel der Rallye ist amerikanisch einfach: „Have fun.“ Keine Spielchen mit Schläuchen oder Lichtschranken bremsen den Vorwärtsdrang, Cruisen steht im Vordergrund. Ein Spielchen gibt es aber doch: Niemand will Cops in die Hände fallen, denn gerade die Sportwagenfahrer reiten – selbst mit 50er-Jahre-Autos – dann doch oft zu schnell durch die Prärie. Oder drängeln ein bisschen des Fahrens völlig unfähige Hausmütterchen an den Rand. Oder umfahren die riesigen Coastal Redwoods in ewigen Kurvenkombinationen. Denn die bis zu gut 100 Meter hohen Bäume sind im Konfliktfall stärker, und die alten Autos haben fast alle keine Gurte – weswegen man sie selbst im sicherheitsbewussten Kalifornien ungegurtet benutzen darf.

Auch House und wir sind zum ersten Mal dabei und rollen am Morgen über den roten Start-Teppich vor dem berühmten und alten Freemont-Hotel. In der City geht es steil hoch und runter, und House ist gar nicht glücklich: „San Francisco frisst Kupplungen,“ sagt er, während er den D aufbrüllen lässt, Wir lassen die Golden Gate Bridge links liegen, rauschen durchs Presidio und dann immer am Meer entlang.

Da House die Tour eröffnet und die erste Passage fährt, können wir uns ein bisschen dem erlesenen Feld der Cabrios, Speedster und Roadster widmen, die mehr als die Hälfte des Teilnehmerfeldes ausmachen. Schon die – natürlich völlig offenen – fünf Vorkriegswagen sind eine Show: zwei Bentley von 1928 und 1930, ein Lagonda V12 Le Mans R und die von völlig vermummten Japanern gefahrenen Jaguar SS-100 (1939) und Aston Martin Type C von 1940 machen gut was her, sind laut und schwer zu fahren. Die Fahrer wissen noch gar nicht, was für eine Kurbelei ihnen bevorsteht.

San Francisco ist immer eine Reise wert.

Die amerikanische Abteilung besteht zum Beispiel aus einem eleganten Buick Super Cabrio mit zwei Frontscheiben – der normalen und einer vor den Fondsitzen. Dazu gesellt sich ein schräger 1953er Miller „Kl Caballo“ Racecar völlig ohne Dach, eine schneeweißen Corvette C1 von 1956 und zwei interessante Zwitter, die US-Briten Nash-Healey. Beide stammen von 1953 und sehen imposanter aus als sie fahren.

Groß vertreten sind die Italiener mit ein paar Alfa, wobei eine Giulia Spider von 1962 das jüngste Auto im Feld ist. Imposant die zwei Ferrari 250 California GT Spider, selten der Siata 208S, powervoll die Maserati 200Si und Maserati A6GCS von 1955, edel der Lancia Aurelia B24S von 1956. Wild die Meute der Briten mit einem 55er Jaguar D-Type, diversen Jaguar XK, einem offenen Aston Martin DB2 mit feinfühliger Patina, zwei Morgan +4, zwei Austin Healey 100M, ein AC Bristol sowie zwei schrägen 52er Allard J2X. Und dann noch die Phalanx der Deutschen: Porsche 356 in allen Karosseriearten und Mercedes 300 SL als Flügeltürer und als Roadster. Was Teilnehmer Paul Colony die Laune rettet: Als sein schwarzes 300 SL Coupé schon beim Start in San Franzisko Probleme bereitet, lässt er sich schnell nach Hause fahren und besorgt Ersatz – er hat ja noch eine roten 300 SL Roadster in der Garage…

Was für ein wunderbares Thema, abends ewige Stunden mit Gallonen von Benzinsprech zu verbringen. Und je mehr Autos die Mille-Teilnehmer haben, umso besser: Unser Gastgeber Chuck House arbeitet an zehn eigenen Porsche (das Cabriolet, zwei 54er 356 Speedster, ein 56er Carrera, ein 58er Speedster, ein 59er Convertible D, ein 63er B Cabriolet, und drei 911 von 1965, 1971 und 1973), die veranstaltenden Swig-Brüder besitzen bereits 20 Wagen – ebenso Doug Weitmann, der Besitzer des Bentley 3/8 Racers. Hurley Haywood, in den USA eine Race-Legende und auf der Mille Pilot eines Porsche 356 Speedster, ist Eigner von 60 Schätzchen. Aber auch das ist noch nichts gegen Michael Malamut aus Thousand Oaks: Er besitzt 200 Autos und hat gleich ein eigenes Museum aufgebaut. Alle seine Autos fahren, für die Rallye hat er einen Jaguar XK 120 von 1954 gewählt. Man hat’s eben.

Unsereins sollte nicht zu lange drüber nachdenken und die Route genießen. Von San Franzisko geht es an der Küste entlang in den Süden mit einem Abstecher in Woodside nach Carmel, von dort die berühmte „1“ nach Cambria, um dann nach einer Inlandsschleife in Morro Bay anzukommen. Von dort führt die Relax-Party über kleine Country-Roads via Hollister zurück nach Carmel. Der letzte Tag beschert uns noch eine Schleife von Carmel nach Coalinga und über andere Straßen wieder zurück. Unglaublich: Es kommt vor, dass man eine Stunde lang oder 45 Meilen völlig für sich den Asphalt bearbeitet – kein Gegenverkehr, manchmal trifft man nicht mal einen anderen Teilnehmer. Nur Schlangen und Erdhörnchen wuseln herum – bei so viel edlem Blech staunen selbst sie sich manchmal unaufmerksam platt…

Viel Wert, aber nicht geschont.

Mit Houses Convertible können wir locker mithalten. Eigentlich besaß das Auto mal die üblichen 60 PS, aber dieses Exemplar mit der Chassisnummer 85692 knattert mit 75 PS durch die Lande. Der Vorbesitzer tunte ein bisschen, was zur Folge hat, dass die Maschine unter 2000 Touren hustet und spuckt und erst darüber seinen Muskeln spielen lässt – dann aber gewaltig. So muss man immer etwas hochtourig fahren, was sich stets wie ein bisschen Materialfolter anhört. Was auch an dem Abarth-Auspuff liegt, den der Vorbesitzer aus Soundgründen montierte. Die Maschine kann das aber wunderbar vertragen. Wenn House sich ihrer bald zur Revision annimmt, soll sie danach 100 PS aufweisen – ohne Eingriffe in Hubraum oder andere Veränderungen am Motor.
Denn die Autos leiden bei 1600 Kilometern über manchmal extrem kaputte Straßen kräftig. Im Porsche verabschiedet sich zuerst der Drehzahlmesser. Dann fängt die Hupe an, selbstständig zu arbeiten, was mit Abklemmen zu beseitigen ist. Blöder schon, als sich der Wagen kaum mehr schalten lässt. Schrauber House findet den Fehler: An der Befestigung des Kupplungsseils vorne fehlt die Kontermutter. So hat sich das Seil beim fixen Ritt durch den Sunshine State gelockert. Chuck kriecht in den Fußraum und repariert. Apropos gelockert: Am letzten Tag schreckt uns ein hässliches Geräusch hinten links auf: Nach Abnehmen der Radkappe zeigen sich alle fünf Radbolzen als fast komplett herausgedreht. Kurze Zeit später hätten wir das Rad verloren.

Aber auch die anderen Teilnehmer schrauben. Besonders morgens kann man so die Begabten im Club der Millionäre ölverschmiert unter den Wagen liegen sehen und denken: Klasse – auch nur Menschen. Die anderen nutzen den Mechanikerservice der Swigs, andere haben ihren eigenen Servicewagen dabei.

Am Ende fahren die meisten Autos tatsächlich 1000 Meilen – na ja, nicht ganz, die Tour weist exakt 911,9 Meilen oder 1459 Kilometer aus. Doch mit ein paar Verfahrern, mit Parkplatzsuche, umkurven von überfüllten Tankstellen und weiteren Extratouren kommen alle den 1600 Kilometern doch recht nahe. Und auch der Maserati 200 SI, der es schafft, sich auf völlig freier Strecke plötzlich zu drehen (und zum Glück nirgends einschlägt), kommt schließlich auf der abschließenden Carmel Valley Ranch an.

So faszinierend die offenen Autos auch sind – ein geschlossener Wagen ist (fast) in der Lage, die meiste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen: Der 56er Maserati A6G2000 Frua von Jonathan Segal. Das superseltene Coupé war von dem amerikanischen Architekten im vorigen Jahr für 1,72 Millionen Euro als ein Auto bei der Scheunenfund-Auktion der sensationellen Baillon-Sammlung (dort stand unter anderem auch Alain Delons Ferrari 250 GT SWB California Spider) ersteigert worden. Und Segal hat und will es belassen mit der wunderbaren Patina, die die Karosserie heute aussehen lässt wie nach einer Bombardierung mit China-Böllern…

Nur wenige rasen — die meisten genießen im erlaubten Tempo.

Text: Roland Löwisch

Fotos: Eric Simpson/Porsche, Löwisch

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