Jaguar E-Type – Alles Käse oder was?

Wunderschöne Gassen: Die Ortschaft Arbon am Südufer des Bodensees zeigt Flagge. Wie alle Gemeinden in der Schweiz.
Appenzeller Käse würde keine Raubkatze in die Region locken. Doch im und um das Appenzeller-Land finden sich viele kleine Kurvenstraßen, die einen Jaguar E-Type wohlig schnurren lassen.

Die Sonne steht schon tief am Himmel, als wir den Jaguar E-Type Roadster mit kaum 60 km/h an blühenden Almwiesen, Kuhweiden und Wäldchen vorbei nach Bendel und Krummenau brabbeln lassen. Dass der 210 PS starke Sechszylinder von null auf 100 km/h in zirka sieben Sekunden beschleunigt? Egal. Hier, auf den schmalen Straßen des Appenzeller Landes ist die Entdeckung der Langsamkeit angesagt. Andernfalls würde man auch „Raschles Hoflädeli“ glatt übersehen. An der Außenwand eines Bauernhofs ist eine Holzvitrine mit Glasschiebetürchen angebracht. Darin befinden sich liebevoll präsentierte Hofprodukte wie Freilandeier, Kuchen, Bloderchäs (Magerkäse) und Nidelzeltli (Sahnebonbons). Was für ein Unterschied zu industrieller Massenproduktion! Jede kleine Süßigkeit ist individuell verschieden, mit Liebe hergestellt und trägt die Handschrift des Erzeugers. So ähnlich wie unser top restaurierter Jaguar E-Type Roadster 4,2 Liter, Baujahr 1969, mit seiner 1,70 Meter langen Motorhaube, dem filigranen Holzlenkrad auf der rechten Seite und den drei dekorativen, aber wenig funktionalen Scheibenwischern.

Eine wahre Freude ist das Fahren auf den verschlungenen Bergstraßen.
Mit Blick auf schneebedeckte Berge kurven wir auf extrem schmaler Fahrbahn hinunter ins Tal, biegen bei Krummenau auf die „16“ ab und wählen die schnellstmögliche Route zur Schwägalp. Auf den letzten Kilometern windet sich die Fahrbahn in extremen Schleifen den Berg empor und gibt den Blick auf den König des Appenzeller Landes frei: den Säntis – ein 2.500 Meter hoher Felskoloss, dessen Schneezungen bis fast hinab zum Berghotel Schwägalp lecken. Die Abendsonne strahlt und duzende Gäste tummeln sich auf der mit Bergblick ausgestatteten Restaurantterrasse. Verlockend! Doch als wir den Jaguar parken, ertönt aus der Alpkäserei vis-à-vis fröhliche Volksmusik, sodass wir neugierig über die Schwelle treten. „Sönd Willkomm“ steht im Eingangsbereich zu lesen. Auf der Käsetheke türmen sich „Chäsfladen“ und „Chäsbrötli“, ferner Schwägalpkäse rezent (würzig), Appenzeller Käse und CDs vom Jodelquartett Säntis, dessen Musik die ganze Zeit über aus den Lautsprechern schallt. Als er unsere fragenden Gesichter sieht, nimmt uns Käser Othmar Manser mit in seinen Käsekeller und erläutert die Grundzüge des Käse-Einmaleins. „Wir produzieren den Alpkäs und keinen Appenzeller“, betont der Käser und zeigt stolz auf zehn Doppelreihen übereinandergelagerter Käseräder. Schwägalpkäse sei ein Naturprodukt, das nur von Mai bis September produziert wird. Der gute Geschmack stamme von den vielen Almkräutern, die die Kühe auf den umliegenden Wiesen zu sich nähmen. Da gäbe es keine Düngung, nichts Künstliches, das sei eine Stufe besser als biologisch, strahlt der Käser, der ein Diplom von der 16. Almkäseolympiade an der Wand hängen hat. „Die drunten im Tal produzieren den Appenzeller“, resümiert Othmar Manser, etwas weiter oben stelle man Bergkäse her und ganz oben am Berg, sozusagen als Krone der Käseproduktion, entstehe der Alpkäse.


Nach einer erholsamen Nacht im Berghotel Schwägalp räkeln wir uns am nächsten Morgen wohlig in den Betten und stellen uns vor, wie wir bei strahlender Sonne mit dem E-Type die Passstraße hinunterflanieren: mit offenem Verdeck, flankiert von knallgelb blühenden Löwenzahn und Schlüsselblumen. Doch als wir aus dem Fenster gucken ist alles weiß. Schnee bedeckt die saftiggrünen Wiesen, das Dach der Alpkäserei, die Tische des Berggasthofs und die Fichten ringsum. Dicke Flocken rieseln herab, doch zum Glück bleibt der Schnee nicht auf der Fahrbahn liegen. Eigentlich wollten wir noch mit der Bergseilbahn zum Säntisgipfel emporschweben. Doch im Frühstücksraum zeigt eine Video-Panoramakamera den Berg in dichtem Nebel. Egal. Nach einem kurzen Blick auf die Landkarte lenken wir den Jaguar die Bergstraße hinab in Richtung Bodensee. Der geplante Ausflug zum Säntis-Gipfel kann noch eine Weile warten.

Als wäre der Rote Platz von St. Gallen eigens und speziell für unseren Mr. Jaguar gemacht.

Urnäsch, Hundwil, Teufen, Bühler. Kaum liegen die ersten Bergstraßen hinter uns, bringt die Sonne die Wärme zurück. Wir öffnen das Verdeck und fahren durch eine Landschaft, die unserem Traum von knallgelb blühendem Löwenzahn und Schlüsselblumen eins zu eins entspricht. Imposante Berge hier, ein hübsches Dorf dort – es ist ein Genuss, den 4,45 Meter langen Jaguar über diese Sträßchen zu navigieren. Über Trögen, Heiden und Rheineck geht es nach Rorschach, wo wir eine Pause einlegen und über eine platanenbestandene Promenade am Bodensee entlang flanieren. Enten und Blesshühner schaukeln auf den Wellen, im Hintergrund zieht das Ausflugsschiff Rhynegg seine Bahn.

Mediterranes Ambiente und eine faszinierende Bergwelt liegen in diesem Teil der Schweiz nah beieinander. Nach einem Schlenker über Arbon fahren wir über St. Gallen zurück nach Trögen und nehmen von dort aus den wild gewundenen Ruppenpass unter die Räder. Von Altstätten geht es dann superkurvig weiter über den bei Motorradfahrern beliebten Stoss nach Gais. Doch nicht nur die Blitzanlage am Ortsausgang von Altstätten ist ein Grund, nicht ganz so heftig aufs Gaspedal zu treten: Der Blick auf das Rheintal und die dahinter emporragenden Berge will zelebriert werden.

Nächster Zwischenstopp: Appenzell, wo heute die berühmte Landsgemeinde tagt – eine gesetzgebende Volksabstimmung. Die mit Figuren und Ornamenten geschmückten Häuser des 6.000 Einwohner zählenden Ortes sind wild beflaggt. Auf dem Landgemeindeplatz steht ein Podest mit Mikro, ein Redner parliert gestikulierend in Schwizerdütsch und schaut dann erwartungsvoll in die Menge, die durch Handheben ihre Zustimmung signalisiert. Die jährlich abgehaltene Landsgemeinde entscheidet im Kanton Appenzell Innerrhoden über Gesetze und Ausgaben und wählt die Regierung. Die Leute tragen Sonntagsstaat, manche Männer gar Anzug und Krawatte sowie einen Degen, der sie nach althergebrachter Sitte als stimmberechtigte Bürger ausweist. Die Schweizer Landsgemeinde ist eine der ältesten und einfachsten Formen der direkten Demokratie. Allerdings hatten im Kanton Appenzell Innerrhoden lange Zeit nur die Männer das Sagen: Erst 1990 wurde hier gegen den Willen der männlichen Stimmbürger das Frauenstimmrecht eingeführt – zehn Jahre nach dem Irak.

Typisch Appenzell: Entspannt und ohne Hektik geht es über herrliche schmale Straßen.

Über Hundwil und St. Peterzell lenken wir den Jaguar nach Lichtensteig, folgen der Straße zum Rickenpass und biegen kurz vor der Passhöhe nach Gommiswald ab. Einerseits weil es sich auf der „Sonnenterrasse über dem Zürichsee“ mit schönem Seeblick Cabrio fahren lässt. Andererseits weil sich hier die Garage des Oldtimer-Restaurators Bruno Rüegg befindet. Neun Autos und 25 Motorräder, das sei alles, was von seiner umfangreichen Sammlung übriggeblieben ist, bedauert der Rentner, der nach seiner Pensionierung nur noch aus Freude „schafft“. Schaffen, das bedeutet für Bruno Rüegg schöne, seltene Fahrzeuge restaurieren. Zum Beispiel den Presto Typ D, Baujahr 1921, mit 30 PS, Vierzylinder-Reihenmotor und Magnetzündung. Den habe er irgendwo auf dem Berg aus dem Dreck gezogen, einen Tag bevor der Alteisenhändler gekommen ist. Eine komplette Ruine wieder aufzubauen – das sei für ihn das Schönste, strahlt Rüegg. Ob Holz oder Metall – er arbeitet mit jedem Material. Und wenn er einen alten Motor bekommt, wird der erst mal komplett zerlegt, inspiziert und wieder zusammengebaut. Erst dann lässt er ihn zum ersten Mal laufen. Das war so bei dem knallroten MGA 1600, Baujahr 1960, bei dem grasgrünen Om Superba 665, Baujahr 1927 und bei dem Austin Clifton 12, Baujahr 21, der in Australien bei „Skippy, das Buschkänguruh“ mitgespielt hat. An seinen Oldtimern kennt und liebt Rüegg jede Schraube.

Ein Abstecher nach Rapperswil am Zürichsee muss sein, schon wegen der schindelgedeckten Dächer, Türmchen und malerischen Fachwerkerker. Dann lenken wir den Jaguar über die Hulfteggstraße, Wattwill, Bächli und Urnäsch noch einmal zur Schwägalm, wo wir bei strahlender Sonne mit der Bergseilbahn zum Säntis emporschweben und einen phänomenalen Ausblick über tausendundeinen Gipfel genießen. Neben uns erhebt sich die Sendestation Säntis, ein 123 Meter hoher Turm, dessen Spitze 2.610 Meter über den Meeresspiegel ragt. Gewicht des Mastfundaments: 4.165 Tonnen. Gewicht Turm: 414 Tonnen. Anzahl der Schrauben: 14.610 Stück. Das wäre selbst für Restaurator Bruno Rüegg beim Zerlegen eine echte Herausforderung.

Impressionen aus dem Appenzellerland mit Tourkarte.
Fahrpausen in Appenzell

 

INFORMIEREN

  • Schweiz Tourismus
    Rossmarkt 23
    D-60311 Frankfurt a.M.
    Tel. 00800 10 02 00 30 (gratis)
    www.myswitzerland.com
  • Appenzellerland Tourismus
    Bahnhofstrasse 2
    CH-9410 Heiden
    Tel. +41 71 898 33 00
    www.appenzellerland.ch
  • Zürichsee Tourismus
    Hintergasse 16
    CH-8640 Rapperswil
    Tel. +41 848 81 15 00
    www.zuerichsee.ch
  • St.Gallen-Bodensee Tourismus
    Bahnhofplatz 1a
    CH-9001 St. Gallen
    Tel. +41 71 227 37 37
    www.st.gallen-bodensee.ch

 

ÜBERNACHTEN

  • Berghotel Schwägalp
    Säntis-Schwebebahn
    CH-9107 Schwägalp
    Tel. +41 71 365 66 00
    www.saentisbahn.ch
  • Hotel Mozart
    Hauptstraße 82
    CH-9400 Rorschach
    Tel. +41 71 844 47 47
    www.mozart-rorschach.ch
  • Hotel Hirschen
    Fischmarktplatz 7
    CH-8640 Rapperswil
    Tel. +41 55 220 61 80
    www.hirschen-rapperswil.ch
  • Hotel Ramada
    Chaltenbodenstraße 16
    CH-8834 Schindellegi
    Tel. +41 44 788 99 99
    www.ramada-feusisberg.ch

 

AKTIVITÄTEN

  • Schwebebahn Schwägalp-Säntis
    Frühstück auf dem Säntis, Sonnenaufgangs-
    oder Vollmondfahrt auf den Säntis
    CH-9107 Schwägalp
    Tel. +41 71 365 65 65
    www.saentisbahn.ch

 

ESSEN & TRINKEN

  • Restaurant, Hotel und Flugplatz Hasenstrick
    Höhenstraße 15
    CH-8635 Hasenstrick-Wernetshausen
    Tel. +41 55 250 52 52
    www.hasenstrick-hotel.ch
  • Restaurant Rössli
    Hauptplatz 5
    CH-8640 Rapperswil
    Tel. +41 55 211 13 45
  • Restaurant Schnuggebock
    Erlebnis Waldegg AG
    Äussere Egg 977
    CH-9053 Teufen
    Tel. +41 71 333 12 30
    www.waldegg.ch
  • Restaurant St. Anton
    CH-9413 Oberegg
    Tel. +41 71 891 24 42
    www.st-antonoberegg.ch

 

SEHEN & STAUNEN

  • Alpschaukäserei Schwägalp
    CH-9107 Schwägalp
    Tel. +41 71 365 65 40
    Geführte Besichtigungen:
    Tel. +41 71 365 65 65
    www.saentisbahn.ch
  • Appenzeller Schaukäserei
    Dorf 711
    CH-9063 Stein
    Tel. +41 71 368 50 70
    www.schaukaeserei.ch
  • Oldtimer-Restaurator Bruno Rüegg
    Garage u.a. mit seltenen Vorkriegswagen
    Kaltbrunnerstraße
    CH-8737 Gommiswald
    Besichtigung auf Anfrage
    Tel. +41 55 280 71 22
    www.rueegg-oldtimer.ch
  • Appenzeller Brauchtumsmuseum
    Am Dorfplatz
    CH-9107 Urnäsch
    Tel. +41 71 364 23 22
    www.museum-urnaesch.ch
  • Schwimmendes Salon-Theater Herzbaracke
    CH-8640 Rapperswil
    Spielzeit in Rapperswil: 04.04. bis 06.05.2012
    www.herzbaracke.ch
  • Markthalle Altenrhein
    Von Friedensreich Hundertwasser gestaltete Markthalle
    CH-9422 Staad am Bodensee
    Tel. +41 71 855 81 85
    www.markthalle-altenrhein.ch

 

EINKAUFEN

  • Weinbau Mühle
    Stefan Reichling
    Seestraße 149
    CH-8712 Stäfa
    Tel. +41 44 926 20 30
    www.muehlestaefa.ch

Text: Sylvia Lischer

Fotos: Gerhard Eisenschink

No Comments Yet

Comments are closed

Cabriolife-Logo