LeJog – Geschlossene Gesellschaft

Fühlt sich sichtbar wohl in Grossbritanniens Winter: Austin-Healey 3000, genannt „das Schwein“.
LeJog, die Winter-Rallye für Oldtimer quer über die britische Insel, gilt als härteste Oldtimerrallye Europas. Hier fahren jede Menge Cabrios mit, vor allem englische Roadster. Allerdings alle mit geschlossenem Dach oder mit Hardtop. Warum eigentlich?

Vielleicht denkt der eine oder andere an den Zustand seines Smokings. Der ist Pflicht bei der Auftaktveranstaltung, bei der man es sich vor der Rallye noch einmal so richtig gut gehen lässt. Und er ist Pflicht bei der Abschlussveranstaltung. Da ist zwar jeder, der noch dabei ist, froh, LeJog ohne psychische Schäden überlebt zu haben, aber trotzdem will sich niemand mit einem verknitterten und durchnässten Smoking verabschieden. Vielleicht ist es aber auch der Wunsch, sich selbst zumindest ein bisschen zu schützen vor dem Winter auf der britischen Insel, der entweder regnerisch, verschneit oder stürmisch ist – jedenfalls höchst unangenehm sein kann, ist man mit einem Oldtimer unterwegs.

Ach ja, es könnten auch die Oldies selber sein, an die alle Roadster- und Cabriofahrer denken, wenn sie mit ihren Pretiosen Europas härteste Winterrallye mitfahren und während der Tour das Dach schließen. Sind es aber nicht. Denn die leiden sowieso – mindestens genauso wie ihre Piloten.
LeJog ist bekannt für im Schlamm versinkende Autos, in Bächen aufschwimmende Klassiker, auf Herbstlaub wegrutschende Oldtimer, im Schnee festgefahrene Traumwagen. Hat sich im vergangenen Winter die weiße Pracht auch kaum blicken lassen, alle anderen Wetterunbilden waren vorhanden. Mehr als das: Xavier war da und kannte kein Erbarmen. Das Tief mit dem bayerischen Vornamen legte mit seinem Unwetter nicht nur den Schiffsverkehr auf dem Kanal lahm, sondern sorgte auch dafür, dass in Großbritannien aus munteren Bächen wilde Flüsschen wurden.


Wer sich und sein Auto nicht gut vorbereitet und nicht noch vor dem Start Freundschaft mit einem erfahrenen LeJoger schließt, kann einpacken.

Was sind das für Leute, die einen Jaguar XK 120 von 1954, einen 73er MGB Roadster, einen Sunbeam Tiger von 1962, einen Austin Healey 3000 Mk II aus dem Jahr 1962, Triumph TR 3A, TR4 und TR6 oder einen VW Iltis in die Jahresendschlacht mit den Gewalten der Natur werfen? Die sich und ihre Autos rund 2500 Kilometer von Land’s End in Cornwall über Bristol, Birmingham, Leeds und Glasgow in das nordschottische Kaff John o’Groats prügeln, und das unter Bedingungen, bei denen viele Oldtimerbesitzer nicht mal den Weg vom Haus in die Garage auf sich nehmen, um nach dem Öl zu sehen?

Es sind Auto-Fans, die ihre Wagen benutzen wollen und nicht mit Zahnbürsten in jeder Karosserie-Ecke nach Dreck suchen. Die den Begriff „Fahrzeuge“ wörtlich nehmen. Wie zum Beispiel Horst Pokroppa, Versicherungsmathematiker aus dem holländischen Vaals bei Aachen. Der kennt die Problematik von Wasser und Matsch und hat eine – wenn auch ungewöhnliche – Lösung für seinen MGA gefunden: „Wir haben Löcher in den Holzboden des Wagens gebohrt. Da fließt das Wasser nach den Wasserpassagen problemlos wieder ab…“ Das tut dem MG-Fan allerdings nicht wirklich weh: Zuhause warten bei ihm noch ein MGTD, ein MGB und ein Midget.

Oldtimer perforieren ist nicht jedermanns Sache – und dennoch nehmen die wenigsten Teilnehmer Strafpunkte in Kauf, sondern fahren mit ihren Klassikern durch die Wassermassen und verschmähen die sichere benachbarte Brücke. Ein Mindestschutz für ein paar Teile ist aber dringend nötig, will man nicht mitten im gurgelnden Bach aussteigen und schieben: Üblich ist es, einem gewöhnlichen Haushaltshandschuh die Fingerkuppen abzuschneiden und das Gebilde über Zündverteiler und seine fünf Kabel zu ziehen. Sechszylinder haben hier allerdings das Nachsehen.

Insgesamt 73 Teams machten sich beim vergangenen LeJog auf die abenteuerliche Reise. Dabei waren die schmalen Winterreifen diesmal nicht das wichtigste Accessoire, sondern oben beschriebener Wasserschutz. Als Prokroppa vor vier Jahren das erste Mal mitfuhr, tat er das auf Sommerreifen. In Edinburgh ging nichts mehr – ein Reifendienst bockte den Wagen samt Pilot und Navigator auf und wechselte in 15 Minuten alle vier Exemplare. Aus Platzmangel schenkte er dem Service die Sommer-Pneus – dann konnte er weiter teilnehmen.

So wunderschön kann es in England sein — immerhin der Fotograf hat ein Auge dafür…

Wahrscheinlich wären sie aber nie angekommen, hätten sich damals nicht erfahrene LeJoger ihrer erbarmt und sie an die Hand genommen. Das waren bei Pokroppa die berühmten Walisischen Kiff-Brüder (John, Robert und Edward die heißen wirklich so), die schon seit Ewigkeiten mittouren in ihrem aufgebrezelten 57er Käfer mit 1.6-Liter-Porschemotor (aus einem 356A). Jetzt kennt Prokoppa das größte Problem bei LeJog nur zu gut: „Die Navigation ist mit keiner anderen Rallye zu vergleichen.“

Um sich zurecht zu finden, gehört zum Beispiel ein „Roamer“, für den es nicht mal ein deutsches Wort gibt. Der Roamer ist ein durchsichtiges, etwas fünf mal fünf Zentimeter großes quadratisches Lineal mit Löchern drin, um Distanzen und Koordinaten auf Landkarten zu übertragen. Das schützt allerdings nicht davor, irgendwo in der Wallachei zu landen. Zum Beispiel, wenn der Wegstreckenzähler spinnt, was bei neuen Teilnehmern immer mal wieder vorkommt.

Aber schon die erste Sonderprüfung direkt nach dem Start macht in jedem Jahr jedem klar, dass dieser von HERO (Historic Endurance Rallying Organisation) veranstaltete Dreitages-Event keine Kaffeefahrt ist: Es muss durch ein Pylonenkurs gehetzt werden. Für dessen malerische Umgebung hat niemand ein Auge, denn vorgegeben ist ein Temposchnitt von 80 km/h. Was natürlich nicht mal Semiprofis wie Pokroppa schaffen. Aber das ist gewollt und setzt nicht nur die rund zehn deutschen Teams auf die Strafpunkteliste, sondern alle. Es soll sich niemand zu sicher fühlen…

Fast am A... der Welt: Lands End in Cornwall heisst nicht nur so, sondern sieht auch so aus.

Gegen 8 Uhr gestartet, wird der erste Ankömmling der ersten Tagesetappe um 3.10 Uhr im Hotel erwartet. Der zweite Tag bedeutet nur 14 Stunden Rallye – fast ein Ruhetag. Wenn da nicht die vielen Wasserdurchfahrten wären. Prokroppa hat kein Problem dank Ablauflöcher im Wagenboden, andere saufen schlicht ab. Ein Porsche 911 schwimmt immerhin teilweise, hat aber in den Wellentälen immer mal wieder Bodenkontakt und kann sich gerade eben noch aus der misslichen Lage befreien. Bei LeJog ist es tatsächlich völlig egal, ob sich ein Cabrio, eine Limousine oder ein Coupé durchquält: Ein Dach, eine Softtop oder eine Persenning helfen, dass nicht so viel Wasser von oben eindringt. Gegen Wasser von unten und von der Seite hat aber keine Karosserieform eine reelle Chance.
Der letzte Rallyetag fordert dann noch Mal alles: 26 Stunden Tortour – wenn man sich nicht verfährt. Sonst dauert es entsprechend länger. Von den 73 gestarteten Oldies in fünf Hubraumklassenwaren im Dezember schon längst nicht mehr alle dabei. Zwar gibt es immer mal wieder Ausrutscher mit Blechschäden, doch die werden von den HEROs meistens vor Ort gerichtet, so dass das kein Ausfallsgrund ist. Öfter sind es mechanische Probleme, bei manchen Teams auch physische und psychische.

Die Veranstalter scheuchen die Teams am Tag 3 durch Scheunen, über Flugplätze, aber am gemeinsten sind die engen schottischen Landstraßen bei Nacht: Schmale braune Wege, umgeben von halbvergammeltem braunen Heidekraut. Die Sicht ist extrem schlecht, Kraut und Straße verschwimmen nach vielen Stunden konzentrierten Fahrens. Schleichen die Teams anfangs aus Sorge vor Schäden am Auto im Schritttempo über die ersten der vielen nordbritischen Cattle Grids, werden die folgenden im Boden eingelassenen metallenen Viehstopper später mit 100 km/h oder mehr genommen. Querende Tiere machen die Fahrt nicht einfacher, nur ein Porsche hatte in diesem Jahr damit keine Probleme: Der Ölklappen-911er des Deutschen Christian Hiemenz aus Berlin bellte ständig mit Fehlzündungen, das verschreckte die Viecher schon von weitem.
Und weil das ja alles noch nicht schwierig genug ist, denkt sich HERO natürlich noch weitere kleine Gemeinheiten aus. Diesmal mussten die Teams auf der gesamten Strecke so genannte „stumme Wächter“ finden. Das waren knapp 50 kleine Schilder an Pfählen mit Namen drauf. Die Hinweise in den Roadbooks zum Finden der stummen Wächter sind aber absichtlich sehr vage gehalten. Dass die Verpflegung zwischendurch aus fragwürdigem Curry-Huhn oder gequirlten Eingeweiden namens Haggis besteht, kann die Freude am Masochismus auch nicht mehr beeinträchtigen.

So erfahren Prokoppa inzwischen ist – diesmal hat ihn Fehler, den jeden ereilen kann, wichtige Zeit gekostet: Er betankte den MGA an einer dunklen und schlecht beschrifteten schottischen Tankstelle Diesel statt Benzin…

Wer LeJog fährt, fürchtet vielleicht Tod und Teufel, aber nicht Dreck und Schlafentzug.

Text: Roland Löwisch

Fotos: Photo F&R Rastrelli

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