Oldtimer-Wander-Tour – ADAC Trentino Classic

Die ADAC Trentino Classic 2017 in Molveno.
Ein mintgrünes VW Golf I Cabriolet, über 100 Klassiker aus allen Epochen, atemberaubende Alpenkulisse, herzhafte Verpflegung und herbstliches Fröstel-Wetter: perfekte Voraussetzungen für das beliebte Oldtimer-Wandern durchs Trentino. Ein Erlebnisbericht.

Ohne das erhoffte Spätsommerwetter sind wir am 17. September unterwegs ins Trentino. Erwartungsfroh, das nasskalte Wetter ignorierend und glücklich, den Brenner ohne Stau passiert zu haben, nehmen wir die letzten Kilometer zur 2017er ADAC Trentino Classic unter die Räder. Es ist Sonntag, nach 20 Uhr, und wir haben Hunger. Auf Pizza, doch auf dem Weg nach Molveno ist kein einladendes Restaurant zu entdecken. In Mezzolombardo werden wir fündig. In einer Stehpizzeria, deren Qualität wir anhand der vielen Einheimischen, die dort ihre Pizza abholen, antizipiert haben. Die Quattro Formaggi schmeckt gut, das Wasser aus der Plastikflasche korrespondiert perfekt mit dem beigelegten Plastikbesteck und dem Mobiliar. Oberhalb Mezzolombardos gabelt sich die Straße, drei Möglichkeiten weist uns das große Verkehrsschild. Google Maps, zurate gezogen, verfährt sich! Fünf Kilometer später wird die Anzeige auf dem Screen hektisch, wir wenden und meistern die Lage mittels einer profanen, aber zuverlässigen Straßenkarte. Noch knapp 25 Kilometer zum Startort des diesjährigen Oldtimerwanderns des ADAC, Molveno, am gleichnamigen See gelegen. Eingeladen von der Autostadt in Wolfsburg, die die Trentino Classic schon von Beginn an als Premiumpartner unterstützt. Wunderschöne Serpentinen führen bergan, doch die dunkle Straße und der Nieselregen lassen tatsächlich nichts anderes als gemächliches „Wandern“ zu. Dazu passen die gespenstischen Blitze eines fernen Gewitters, aber ganz und gar nicht die schwergängige Lenkung des geliehenen 911 Coupés von 1988 („Der muss mal wieder bewegt werden…“, meinte der Besitzer). Bar einer Servolenkung quält sich mein Tennisarm durch die Kurven. Zu verdanken habe ich die Beschwerden dem häufigen verkrampften Halten einer kleinen Höllenmaschine namens Flex beim Oldie-Restaurieren. Doch die Belohnung folgt auf dem Fuße, wir sind da.

Montagmorgen, die Wetter-App hatte Recht. Feuchtes Wetter, 12 bis 14 Grad. Wir machen uns auf den Weg zum Parkplatz der Autostadt-Oldtimer. Dort erwartet uns das Auto, mit dem wir diese etwas aus dem Rahmen fallende Oldtimerrallye bestreiten werden. Ein VW Golf 1 Cabriolet, etwa so unauffällig wie ein Pinguin in der Wüste. Der Vor- und Erstbesitzer dieses nahezu neuwertigen Golfs hatte sich 1991 in die Farbe Mintgrün des Porsche 964 verguckt. Gegen viele Widerstände schaffte er es tatsächlich, den Wagen ab Werk in dieser Farbe ausgeliefert zu bekommen. Ein richtiger Hingucker. Und: diese Farbe polarisiert nicht einmal. Fast jeder liebt sie, wie später noch festzustellen ist, besonders das weibliche Geschlecht. Mit dem Golf geht es erst einmal zur Fahrerbesprechung, heißt, zur Talstation der Seilbahn auf den Berg Pradel. Oben angekommen beim ersten Imbiss, instruiert uns der Fahrtleiter Bernhard Jühe und erklärt den Neulingen das Ideal des ADAC Oldtimerwanderns. Dass die WPs keine Wertungsprüfungen seien im herkömmlichen Sinn, sondern Wanderpausen. Auf denen mit mehr oder weniger Ernst etliche Spiele gespielt und Aufgaben gelöst sein wollen. Saß ich auf dem Weg nach oben in der Gondel noch mit dem Gesicht zum Berg (leichte Höhenangst ist untertrieben), lasse ich mir auf der Bergabfahrt den atemberaubenden Blick über das gesamte Tal und den See nicht entgehen.


Markenwechsel: Otto F. Wachs, ehemaliger Chef der VW-Autostadt, startet in einem italienischen Coupé – einer wertvollen Lancia Aurelia.

Anschließend starten wir zum Prolog, quasi dem Warmfahren, um den DEKRA-Pokal. Hier fällt mir zuerst eines besonders auf: Die für die damalige Zeit perfekt arbeitende Servolenkung des Golf 1 Cabriolets. Um im Jargon der Autotester zu bleiben: den kernigen 98 PS des Wagens angemessen, direkt genug, um genügend Straßenkontakt zu vermitteln und um die Mittellage nicht zu teigig. Vor allem aber meinen Arm schonend und dadurch viel Fahrspaß bereitend. Außer dem von Thure Fekken gefahrenen Vorkriegs-Bentley hätte ich mir kaum ein begehrenswerteres Auto für die Veranstaltung vorstellen können. Unterwegs im Hotel al Sole in Fai della Paganella gibt es die erste WP und, wie sollte es anders sein, ein leckeres Buffet. Danach geht es wieder zurück nach Molveno. Zieleinlauf im Ortszentrum. Was mir besonders auffällt: Dass sich eine junge Frau explizit vor unserem Autostadt-Golf Cabriolet fotografieren lässt. Sie wählt weder das ansehnliche Auto vor uns, noch den Klassiker hinter uns. Spätestens da wird mir die Begrifflichkeit des Eyecatchers – nicht zum letzten Mal bei der Veranstaltung – unmittelbar vor Augen geführt.

Der Dienstag, noch mit etwas unleidlichem Wetter gesegnet, gibt allen Teilnehmern die besondere Gelegenheit mit einem echten Fun Car ins Gelände zu gehen, nach Herzenslust Gas zu geben und auch den einen oder anderen Crash hinzulegen. Ach, fast vergessen: per Fernsteuerung natürlich, auf einem abgesteckten Parcours. Der muss in unter 50 Sekunden absolviert werden, ich hab’s immerhin knapp geschafft. Bei kaum einer anderen Wertungsprüfung (nur ausnahmsweise nenne ich die Wanderpause mal so) unterliegen die Teilnehmer solch einem Wettbewerb, konkurrieren miteinander. Jeder möchte möglichst gleich wissen, ob die anderen ähnlich schlecht abschneiden. Schließlich ist es überaus schwierig, das Fahrzeug überhaupt um den rund 20 Meter langen Rundkurs zu manövrieren und mit geringer Zeitstrafe rechtzeitig im abgesteckten Zielfeld stehen zu bleiben. Die Überraschung des Morgens, mitten im Trentino: Ein ADAC-Abschleppwagen am Straßenrand, mit einem defekten ADAC-Straßenwachtauto hintendrauf. Keine Bange, nichts Schlimmes passiert, ein Kanaldeckel war eingebrochen und hatte ein Vorderrad des Pannenhilfsfahrzeugs zerstört. Fast nebenbei, wie als Selbstverständlichkeit wahrgenommen, die unbeschreiblich schöne Bergwelt der Brenta Dolomiten. Oder die atemberaubenden Seen, wahre Kleinodien in ihrer scheinbaren Unberührbarkeit, die wir über den Tag auf unserem Weg zum Ziel tangieren. Eben nicht zu beschreiben, das sollte jeder selbst erleben. Beschreibbar jedoch das überbordende Angebot an deliziösen Speisen auf all unseren Routen. Brot und Spiele eben, ob Wanderpause mit Imbiss oder Mittagessen am Lago die Ledro, immer reichhaltig und vor allem sehr schmackhaft. Und zum Abendessen gibt es am Abend eine Seilbahnfahrt zur Berghütte „Refugio Dosso“, oberhalb Andalos. Besondere Begebenheit, gewissermaßen als Déja-vu einer früher bestrittenen Trentino-Rallye: Ein Paar, beim Abendbrot erzählend, dass sie das großzügige Buffet vor der Hütte schon für das Abendessen gehalten hatten und irgendwie traurig – schon satt seien. Belustigt aber war ich vor allem ob der Kanonade an Witzen, die Bernhard Jühe in der Seilbahn zur Talstation vom Stapel lässt. Prustend vor Lachen mit in der Gondel sitzen u.a. der famose Otto Ferdinand Wachs, bis vor kurzem Sprecher der Geschäftsführung der Autostadt, und Andreas Hornig, Leiter Technik des ZeitHaus in der Autostadt in Wolfsburg. Eine Kostprobe, natürlich jugendfrei, will ich nicht vorenthalten: „Treff’ ich neulich den Dr. Ehrenfried aus Zwickau, da erzählt er mir: ‚Wollte vor kurzem mal Fremdgehen, bin also ins Rewe, eine Packung Kondome kaufen. Und was bekomme ich dazu? Drei Treuepunkte!‘.“

ADAC-Straßenspiel.

Der Mittwoch bringt, trotz niedriger Temperaturen am Morgen, den vom Wetterbericht prognostizierten Sonnenschein, heißt: Cabriowetter. Und neben der Entdeckung der gute Laune bereitenden Sitzheizung des Golfs finden wir etwas später schon den Höhepunkt der ganzen Veranstaltung. Zumindest für meine Pilotin/Co-Pilotin Renate Freiling (je nach dem wer gerade Lust hat zu fahren). Kurz vor dem bonfortionösen Mittagessen auf dem Golf Club Rendena in Bocenago stoppen wir nämlich im berühmten Madonna di Campiglio zur WP 9. Dazu haben die Frauen und Mannen des ADAC ein Geschicklichkeitsspiel aufgebaut. Einen miniaturisierten Parcours, auf dem Spielzeugautos per Magnet bewegt werden müssen. Es gefällt Renate derart gut – sie bewältigt es mit Bravour in unglaublichen 17 Sekunden -, dass sie Johann König vom ADAC später bittet, es ihr zu verkaufen. Keine Chance, war klar. Nicht nur, dass dieses herrliche Spiel jede Carrera-Rennbahn toppt, nein, man kann es nicht einmal kaufen. Selbst von einem ADAC-Mitarbeiter gebaut. Erstens schade, zweitens mit Arbeit verbunden: Wir bauen es nach. Detaillierte Fotos werden abends noch geknipst, jetzt brauchen wir nur noch die nötige Muße um loszulegen. Bei einer weiteren WP geht es darum, ein Modellsegelflugzeug möglichst weit fliegen zu lassen. Leider haben wir Rückenwind und landen nur im Mittelfeld, in doppeltem Wortsinn. Auf dem Weg zu unserem Lieblings-Cabriolet, das gerade wieder eine junge Frau fotografiert, sehe ich einen türkisfarbenen älteren Panda, dessen Lackierung der unseres Golfs zum Verwechseln ähnlich sieht. Was wäre das für ein schönes Fotomotiv mit beiden Autos nebeneinander! „Deutsch-Italienische Freundschaft“ als Bildunterschrift schwebt mir schon im Kopf vor, doch als ich zum Parkplatz komme, fährt die Dame mit dem Panda gerade fort, schade.

Abends lädt der ADAC im kleinen Kreis zu einem Abschiedsessen zu Ehren des langjährigen Förderers des Oldtimer-Wanderns, Otto F. Wachs, ein. Er wird diese Veranstaltungen in Zukunft nicht mehr als Sprecher der Geschäftsführung der Autostadt begleiten, sondern, wie auch schon dieses Mal, als Privatier. Was allerdings auch den Charme für ihn hat, in Zukunft die möglicherweise zu gewinnenden Preise behalten zu dürfen. Der illustren Runde gehören neben vielen langjährigen Wegbegleitern unter anderem der ADAC-Präsident Dr. August Markl, der frühere Formel1 Teamchef von BMW, heute ADAC-Klassikreferent, Professor Dr. Mario Theißen, Frank Reichert, Leiter Klassik Koordination ADAC und Andreas Hornig an. Wachs, der die Rallye mit einem hinreißenden Lancia Aurelia Coupé bestreitet, kommt mit seiner Frau, der Schauspielerin Katharina Schubert. Wow, ein Paar wie aus einer Telenovela, sie, die herrlich exaltierte Femme fatale und er als ruhender Pol, immer gelassen. Langsam gehen mir die Superlative aus, um das Abendessen und die Stimmung zu würdigen, es war einfach schön.

Ein Engländer im Trentino: Auch ein Bentley zählt zum Team Autostadt.

Der letzte Tag bricht an, das Wetter folgt seiner Vorhersage. Offenfahren ist wieder angesagt. Unserem Erdbeerkörbchen schnell das Verdeck geöffnet und die Persenning draufgeknüpft. Wobei mir durch den Kopf geht, dass die Bezeichnung als Erdbeerkörbchen früher wegen des henkelähnlichen Überrollbügels eher despektierlich gemeint war, heute aber eindeutig eine Liebeserklärung für dieses Cabriolet ist. In den Tälern ist es regelrecht heiß. Die Strecke, wie könnte es auch anders sein, ist ein Knaller. Renate Freiling fährt das erste Teilstück. Sie ist heute etwas sportlicher unterwegs, sicher nicht nur der Servolenkung geschuldet, auch ihrer guten Laune.

Oldtimer-Rallyes sind zwar Arbeit – aber der Spaß lässt sich irgendwie nicht vermeiden.Andreas Hornig, Leiter Technik ZeitHaus Autostadt

Beim Start erhalten wir ein Bild mit der Korrektur des Streckenverlaufs oberhalb Mezzolombardos. Die Stelle erkenne ich sofort wieder, schließlich haben wir uns dort schon bei der Anreise verfahren. Diesmal, na klar, auch mithilfe des Bildes gemeistert. In Tenno, dort wo nicht nur der erste große Imbiss des Tages auf uns wartet, sondern auch die erste WP: mit einem 10-Liter-Eimer aus einem Fass einen geschätzten Liter abschöpfen und ihn in einem Messbecher verifizieren. Endlich darf ich auch mal ran, immerhin 35 von möglichen 40 Punkten geholt. Tennos großartiges Wahrzeichen, das renovierte Kastell gehörte seinerzeit dem Post-Chef Klaus Zumwinkel und erlangte mit dessen Verurteilung als Steuersünder auch in Deutschland eine gewisse Berühmtheit. Auf dem Weg nach Trento haben wir dann das Vergnügen, hinter einer Mercedes Pagode herzufahren, die nicht nur mit sehr gemäßigtem Tempo unterwegs ist, nein, sie bläut auch heftig aus dem Auspuff (Kolbenringe?) und odoriert uns, schlecht zu ertragen, mit dem Duft verbrannten Öls. Renate löst dann das Problem mit einem beherzten Überholvorgang. Situation gerettet. Der nächste Mercedes bläut nach oben heraus. Glücklicherweise nicht beim Hinterherfahren zu riechen. Der Fahrer des 280 SE Cabriolets scheint ein starker Raucher zu sein. Bei mäßigem Tempo steht daher öfter eine dichte Qualmwolke über seinem Wagen. Die Mittagsrast, wieder ein Höhepunkt (Speisekarte siehe Foto), erfordert allerdings – aufgrund der abendlichen Oldtimer-Gala mit abschließendem Dinner – viel Selbstbeherrschung bei all den Spezialitäten. Der obendrein reichlich dargebotene Alkohol ist für den gerade Fahrenden sowieso tabu! Der mittägliche Schmaus findet verlockenderweise in der futuristisch anmutenden Weinkellerei Rotari in Mezzocorona statt.

Die Route zum Ziel führt direkt am Ufer des Molvanosees entlang. Sie ahnen schon was passiert? Genau, wir entledigen uns unserer Kleider hinter einem großen Felsbrocken, schlüpfen in unser Badezeug und wollen im See einige Runden schwimmen. Immerhin habe ich es im eiskalten Wasser eine Minute ausgehalten, Renate mindestens drei. Ich wusste es schon immer: Frauen sind das stärkere Geschlecht. Spät abends, nach einem wundervollen Essen mit angenehmen Menschen um uns herum, neu geschlossenen Freundschaften und einem hervorragenden Grappa zum Abschluss bleibt nur ein Wunsch: Irgendwann wieder dabei zu sein.Text: Heinrich Niemeier

Text: Heinrich Niemeier

Fotos: ADAC, Heinrich Niemeier

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