Treffen der Extreme – Bentley Jubiläumsfahrt

Testfahrer-Stolz: Cabriolife-Autor Roland Löwisch mit seinem Touren-Wagen.
100 Jahre Bentley kann man auf diverse Weise feiern – wir tun das mit einer Fahrt im neuen Continental GT Cabriolet nach Spa-Franchorchamps in Belgien. Spätestens dort trifft lasterhafter Luxus auf wildestes Wetter.

 

Keine Ahnung, warum wir so gestraft werden. Jedenfalls öffnet der Himmel seine Schleusen dermaßen, dass wir vorsichtig an den vermuteten Straßenrand rollen und das Unwetter abwarten müssen, weil wir nichts mehr sehen. Mittendrin in der 500-prozentigen Luftfeuchte fette Hagelkörner – wir machen uns ernsthaft Sorgen um den wunderbar blauen Lack des Bentley Continental GT Convertibles.

Das ist eines der edelsten Cabriolets, die es gibt, und wir haben es uns ausgeliehen, um mit einer Ausfahrt ins belgische Spa-Franchorchamps das 100-jährige Jubiläum der britischen Edelmarke zu feiern. Guten Gewissens, denn nach massiver Schimpfe der Eignerfamilien Porsche und Piëch scheinen die Zeiten der hohen Verluste der VW-Konzerntochter dank des neuen Chefs Adrian Hallmark auch vorbei zu sein. Da muss doch eigentlich die Sonne scheinen.


Li: An den Lenkradspeichen schimmert etwas VW- Konzern-Technik durch. Re: Flach, breit, schwarz: 315er-Reifen auf 22 Zoll großen Felgen.

 

Tat sie auch, als wir losfuhren – und sie bescherte uns einen der heißesten Tage des diesjährigen deutschen Sommers. Also Dach auf, Fenster runter und los. Jawohl, Dach auf – wenn schon Cabriolet, dann auch richtig. In rund 15 Sekunden faltet sich das große, aufwendig konstruierte Softtop vollelektrisch in den Verdeckkasten, bis zu 50 km/h kann man das während der Fahrt machen. Im Kofferraum bleibt Platz für 235 Liter Gepäck – das ist für ein fast 4,9 Meter langes Auto nicht üppig, aber für die Wochenendtour absolut ausreichend.

Wir starten morgens bei kühlen 29 Grad, aber das Thermometer klettert stetig auf 40. Die Sitzkühlung, natürlich auf volle Pulle gestellt, müht sich vergeblich ab – vielleicht sind Jeans auch nicht die optimale Wahl für die Tour. Und ja, wir schalten die olle Klimaanlage gar nicht erst an – sorry, aber mit 250 km/h komplett offen und dann mit Aircondition zu fahren ist wie mit einem Zwölfzylinder auf einer Fridays-for-Future-Demo aufzutauchen. Die verdammt gute und netto 6.500 Euro teure Naim-Musikanlage versucht, gegen den halbwegs kühlenden Fahrtwind anzubrüllen, was ihr aber auch nur bis etwa 200 km/h gelingt. Es tost eben selbst in einem Bentley, wenn man das will. Und das ist gut so.

Nach wie vor klasse ist der Antrieb: Der seidenweiche W12, jetzt 635 PS und 900 Newtonmeter stark, hat überhaupt keine Probleme mit den gut 2,3 Tonnen, die durch Luxus und Größe bedingt sind. Und wenn man den Allradler zwischendurch aus Freude am Spaß in weniger als vier Sekunden von Null auf 100 km/h katapultiert, sollte man sich (aber nur kurz) nicht drum scheren, dass der Wagen offiziell und kombiniert mindestens 12,1 Liter Super Plus konsumiert und in die vorletzte CO2-Effizienzstufe F fällt. Bei Vollgas dürfte er weit mehr schlucken, aber der Antritt ist jeden Tropfen Sprit wert.

Vier Fahrmodi machen einem das Leben noch leichter: individuelle Einstellung, Comfort, „Bentley“ und „Sport“. Mit „Bentley“ ist man in jeder Situation gut bedient. Das einzige, was wirklich nervt, ist die hell blinkende Warnleuchte aus dem Fuße des rechten Spiegelhalters, wenn die Technik meint, man würde sich nach dem Überholen zu früh wieder rechts einordnen und vor dem Überholten warnt. Die Lichtfarbe ähnelt auch noch der eines Blitzers, was das eine oder andere Mal zu überflüssigen Irritationen führt. Was aber vielleicht auch an der bullernden Hitze liegt. Zugegeben: Wir kommen tatsächlich auf die frevelhafte Idee, das Dach zwischenzeitlich zu schließen. Was wir aber erst kurz vor Spa realisieren – zwangsweise wegen des Unwetters.

 

Wetter egal. Ein Auto wie den Continental GT muss man offen fahren, basta! Dach auf und durch!

 

Schon in Höhe von Lüttich verdunkelt sich der Himmel, Blitze zucken und das Thermometer fällt fast schlagartig um 19 auf 21 Grad. Und dann prasselt es lautstark auf das aufpreispflichtige, 4.500 Euro teure Sequin Blue und trommelt auf das zum Glück gut gepolsterte Softtop. So lümmeln wir uns ins Portland- und Imperial-Blue-Leder vor dem Dashboard in Liquid Amber und Grand Black und erleben das Ende des Weltunterganges – wie alle anderen Verkehrsteilnehmer im Umfeld auch – sicher und immobil am Straßenrand.

Zeit, sich im Auto umzuschauen. Bentley hat uns die edle „First Edition“ in Mulliner-Spezifikation mitgegeben – was mal gut 36.000 Euro Aufpreis bedeutet. Es beinhaltet aber auch unter anderem – außer besonderen 22-Zöllern – gesteppte Sitze und Türblätter sowie Sport-Pedale. Das Interieur ist ein Traum: aus dem Vollen gefräste Lüfteraustrittskugeln, fein gerändelte Drehschalter, trompetenartige Schieberegler und ein Lichtkonzept, das sein Können erst im Dunkeln voll zur Geltung bringt. Feine Leuchtbänder fassen Cockpit sowie Mittelkonsole ein und ziehen sich über die Türblätter, der Bentley-Schriftzug in den Einstiegsleisten bläut angenehm vor sich hin, und bei geöffneten Türen erscheint das illuminierte Bentley-Logo auf dem Boden.

Der Regen lässt nach – aber er wird uns bis zum Verlassen von Wallonien stets begleiten. Was die Fotoproduktion enorm erschwert. Zwar hat jeder bei Bent-ley Verständnis, wenn man mit einem ihrer offenen Produkte auch offen fährt, und schon in den Frühzeiten der Marke hat wohl kaum ein Sportsmann je das Dach mühsam aufgebaut, selbst nicht im gruseligsten britischen Herbst. Aber dieses feine Leder belgischem H2O auszusetzen tut trotzdem in der Seele weh.

Und wahrscheinlich dann doch auch im Portemonnaie. Abgesehen davon, dass schon der Grundpreis unseres Vehikels mit 192.000 Euro keine Lappalie ist, die Extras sich noch einmal auf 53.910 Euro summieren und der Gesamtpreis 245.910 Euro netto und 292.633 Euro brutto beträgt, wollen wir doch Bent-leys künftiges Betriebsergebnis nicht belasten durch die mit Sicherheit teure Entfernung von Wasserflecken aus dem Interieur.

 

Text: Roland Löwisch

Foto: Roland Löwisch, Reinhold Deisenhofer

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