Übung macht den Meister – oder einfach nur Spaß!

Die Bodensee-Klassik im Mai ist einer der ersten Höhepunkte in der beginnenden Oldtimersaison.
Eine Oldtimer-Rallye zu fahren macht Freude. Normalerweise. Doch wer ganz ohne Vorkenntnisse startet, der könnte den einen oder anderen Patzer machen. Cabriolife begleitet Rallye-Organisator Peter Göbel im Einsatz. Der Inhaber der Agentur Plusrallye erklärt, worauf es ankommt.

Du bist so doof, da hätten wir links abbiegen müssen!“ schimpft der Fahrer eines schwarzen Alfa Romeo Spiders lautstark seine Frau an, so dass es über den ganzen Parkplatz zu hören ist. Peter Göbel beginnt sofort aus vollem Halse zu lachen. Der sportliche Leiter der Young- und Oldtimer-Rallye Bodensee Klassik ist gerade dabei, die Stationen der Wertungsprüfungen im Chefwagen abzufahren.

Die zweite Wertungsprüfung der Drei-Länder-Rallye wird auf einem Parkplatz in der Nähe von Friedrichshafen durchgeführt. Zwei Lichtschranken, von denen eine Start- und Zwischenziel ist, sorgen bei einigen Teilnehmern offenbar für Verwirrung. Mit einem Fingerzeig auf die entsprechende Seite im Roadbook, der „Bibel“ der Rallye, erklärt Peter Göbel, noch immer lachend, wie einfach diese Prüfung eigentlich ist und wo der kleine Kniff liegt. „Die hätten sich vorher eine Überblick verschaffen und dann nur noch einmal links rum fahren müssen.“ Genau diese Feinheiten sind es, für die der im Ruhrgebiet geborene Sauerländer in der Rallyeszene bekannt ist. Peter Göbel verantwortet nicht nur die sportliche Leitung der Rallyes Hamburg-Berlin-Klassik und Bodensee Klassik. Er organisiert außerdem noch als eigene Veranstaltungen die AvD-Histo-Monte und die Sauerland Klassik, die im Oktober 2017 zum zweiten Mal stattfindet.


Das Gespür für den eigenen Oldtimer ist wichtig.

Der 49-jährige schaut sich den Aufbau der Lichtschranken an und spricht mit den Zeitnehmern. „Ich verschaffe mir einen Überblick darüber, wie die Stimmung im Teilnehmerfeld ist, wie viele Teilnehmer hier Fehler machen und ob der Zeitrahmen passt“, erklärt er. Denn die zeitliche Kalkulation ist für eine perfekte Organisation noch wichtiger als für die Teilnehmer. In einem Masterplan sind alle Einsatzzeiten der Teams an Wertungsprüfungen (im Fachjargon „WPs“ genannt), Durchfahrtskontrollen, Mittagspausen, Start und Ziel erfasst. Auf die Minute genau sind Aufbau und Abbau kalkuliert. „Drei Stunden braucht eine WP inklusive Auf- und Abbau“, erklärt Göbel und steigt in einen neuen Opel Insignia, den der Premium-Sponsor bereitgestellt hat. „Mit diesem Zeitfenster sind für die Orga-Teams pro Tag zwei WPs zu schaffen, denn die Fahrzeiten muss man ja auch noch einrechnen.“ Die 172 teilnehmenden Teams absolvieren ca. fünf bis sieben WPs pro Tag, was den Einsatz von 76 Mitarbeitern in Göbels Teams rechtfertigt. Viele der Helfer arbeiten nur am Rallye-Wochenende mit und üben im normalen Leben Berufe wie Dachdecker, Tontechniker oder Journalist aus. Die Zeitnehmer, Streckenposten, Fahrer und Rallyebüro-Mitarbeiter kommunizieren permanent als WhatsApp-Gruppe miteinander. Jeder Aufbau, jeder Abbau, jeder Zwischenfall, Unfall etc. wird dokumentiert und kurz an alle weitergegeben. So können auftretende Fragen schon während der Fahrt beantwortet und Probleme schnell geklärt werden. „Viele Teilnehmer sparen sich leider den Rallye-Lehrgang mit und fahren ohne große Vorbereitung los“, sagt Peter Göbel. „Fragen stellen sich oft erst unterwegs, wenn es zu spät ist, oder wenn die Prüfung vermasselt ist.“

Während die Vorbereitungen für einen Rallye-Anfänger lediglich im Absolvieren eines einstündigen Lehrgangs liegen, ist für Göbels Team ein Großteil der Arbeit im Vorfeld der Rallyes zu leisten. „Die Genehmigungen für die Strecken müssen Monate vorher eingeholt werden, erst bei den obersten Landesbehörden und dann erfolgt die Anmeldung für die Ortsdurchfahrten.“ Diese Aufgaben übernimmt Göbels kleines Kernteam. Nicht immer klappt alles reibungslos, wie sich in einem Dorf in Österreich herausstellt. Eine Ortsdurchfahrt ist gesperrt, da dort ein Markt stattfindet. Zwar hatte Plusrallye die Genehmigung erhalten, aber an den Markt hat wohl in der Behörde keiner mehr gedacht. Nicht ohne Grund startet daher der Werkstattwagen morgens eine Stunde vor dem Teilnehmerfeld. Darin befindet sich das Equipment für die Ausstattung der Durchfahrtskontrollen und der Wertungsprüfungen sowie eine Werkbank, falls einmal etwas improvisiert werden muss. Das ist hier der Fall.

Ein französischer Klassiker im Alltagseinsatz fällt unter den Teilnehmern kaum auf.

Göbel lobt den Mitarbeiter des Teams, der die Umleitungsschilder flugs professionell gebastelt und sie gut sichtbar am Straßenrand montiert hat. Während des kurzen Stopps, bei dem das Schild fotografisch dokumentiert wird, biegen Tina Gorschlüter und Reinhard Schade von der Oldtimerspendenaktion der Lebenshilfe Gießen ums Eck. Laute Lachssalven schallen aus den offenen Fenstern des Mercedes 300, der im nächsten Jahr in die Verlosung gehen soll. Dieses Team hat sichtlich Spaß, schließlich verfügen die beiden über jahrzehntelange Erfahrung und wissen, wie man Oldtimer-Rallyes fährt. Daher nehmen sie die Prüfungen nicht allzu ernst.

An der nächsten Wertungsprüfung sind sie längst über alle Berge. „Die Lichtschranken lösen zu einer bestimmten Zeit ein Signal aus, das wird übertragen auf einen Rechner, den die Zeitnehmer im unmittelbar daneben stehenden Auto haben“, erklärt Peter Göbel. „Am Ziel passiert genau dasselbe und die Differenz ist die gefahrene Zeit, nach der die Strafpunkte berechnet werden. Je geringer die Abweichung, desto weniger Strafpunkte.“ Bei einer Prüfung mit Schlauch wird der Impuls durch Druckluft ausgelöst. Für die Teilnehmer sei daher wichtig, die Chinesenzeichen im Roadbook richtig lesen zu können und ein Gespür für den eigenen Oldtimer zu entwickeln. „Einschätzen zu können, wann genau die Lichtschranke oder der Schlauch ausgelöst werden – das erfordert Übung.“

Peter Göbel ist ein Profi, das merkt man ihm an. Doch nicht nur seine Arbeit hinter den Kulissen zeichnet ihn aus, er hat auch eine erfolgreiche Rallye-Karriere gemacht. Walter Röhrl ist derjenige, mit dem alles begann und dem er alles zu verdanken hat, und noch heute sind sie enge Vertraute. Mit dem Sachsen Matthias Kahle holt sich Göbel in sieben Jahren fünf Meistertitel und 27 Gesamtsiege. „Auch daraus ist eine Freundschaft entstanden, Matthias gehört selbstverständlich ebenfalls zu den Mitarbeitern des Plusrallye-Teams“, sagt Göbel und biegt schon zum Ziel am Bregenzer Festspielhaus ein. Während am Ziel Feierlaune in der Luft liegt und ein munteres Grüppchen am Oldtimer des Lebenshilfe-Teams mit Dosenbier auf den gelungenen Tag anstößt, herrscht im Rallyebüro geschäftiges Treiben. Die Auswertungen müssen nun fertiggestellt und die Ergebnisse für die Teilnehmer ausgehängt werden. Klärungsformulare, die von Teilnehmern im Fall von Zwischenfällen auf der Strecke oder an den WPs eingereicht werden, müssen geprüft werden. Daher gehört auch die Dokumentation der Stationen zu Göbels Aufgaben. Die Auswertungen dauern oft bis spät in die Nacht, denn nicht selten müssen die Auslegung des Reglements und die Vergabe von Strafpunkten diskutiert werden.

Auch mit geschlossenem Verdeck sieht der Alfa Romeo Guiletta einfach elegant aus.

Göbels Familie stärkt ihm in der Organisationsmannschaft den Rücken. Seine Frau, Mutter seiner fünf und zehn Jahre alten Töchter, ist heute Göbels rechte Hand und koordiniert die Abläufe vom Rallyebüro aus. Seine Eltern, die im sauerländischen Attendorn leben, fahren das Vorausfahrzeug. 15 Minuten vor dem Teilnehmerfeld überprüfen sie bei den Rallyes die Strecke nach neuen Baustellen, Staus und anderen möglichen Überraschungen. Sein Bruder Dirk ist der Verbindungsmann zu den Teilnehmern, der hautnah Feedback und Ärger zu spüren bekommt. Oft sind es Zwischenfälle bei den Wertungsprüfungen, über die sich ehrgeizige Fahrer aufregen. So etwas isst in der Regel schnell geklärt, doch nicht alle Fahrer bleiben gelassen. Bei dem Anruf eines aufgebrachten Teilnehmers am nächsten Rallyetag reagiert Göbel besonnen und freundlich. „Ja, was genau ist denn passiert? Mmhh. Wir kümmern uns darum.“ Gutes Zuhören, schnelles Erfassen einer Situation und eine zeitnahe Lösung des Problems sind jetzt gefragt. „Es gibt immer einen, der meckert und manchmal sind diese Leute nur schwer zu besänftigen.“ Sogar Disqualifizierungen hat es schon gegeben. Die Mitarbeiter von Plusrallye bekommen den Ärger als erste zu spüren und geben jeden Disput an den sportlichen Leiter durch.

Peter Göbel bewahrt in jeder noch so eskalierten Situation Ruhe, denn, so sagt er: „Das Schöne an meiner Arbeit ist, dass eigentlich der ganze Job daraus besteht, den Leuten eine Freude zu machen, egal ob durch Wertungsprüfungen, Ortsdurchfahrten oder Fotos für die schönen Erinnerungen. Wir sind die Gutmenschen, sozusagen.“

Zwischen den Prüfungen heißt es: Landschaft genießen.

Text: Renate Freiling

Foto: Lena Willgalis/PlusRallye

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