Seat 1400 B Commercial – Lieferwagen aus den 50ern

So ein 1400 B Commercial in gutem Zustand ist heute extrem selten.
So ein 1400 B Commercial in gutem Zustand ist heute extrem selten.
Er war einst eine hochbeinige, seltene Arbeitshilfe, heute ist er ein hochbeiniges, noch selteneres Funmobil: Seat hat einen von nur noch rund 20 überlebenden 1400 B Commercial restauriert. FAT hat den Lieferwagen bei der Rallye Hamburg-Berlin-Klassik gut 700 Kilometer durch Norddeutschland gescheucht – nur zum Spaß.

Vielleicht hat das Auto mit der Karosserienummer 101-144422 einst fette Melonen transportiert. Oder Olivendosen. Oder Cola-Flaschen. Oder sogar Uhrenkartons. Jedenfalls wird es gearbeitet haben müssen. Es war ein Gewinn für jeden Nutzer, denn es war ein Liefer-wagen. Wenn auch ein sehr seltener: Von gut 17.000 zwischen 1956 und 1959 gebauten Seat 1400 B waren nicht mehr als 1000 „Commercial“, die sich insbesondere durch das fensterlose Heck und einen riesigen Kofferraum von den „normalen“ Pendants unterschieden. Und nur rund 20 haben überlebt, ganze drei sind in gutem Zustand.

Heute ist Nummer 101-144422 so etwas wie ein SUV. Sport? Klar: Rallye Hamburg-Berlin-Klassik. Utility? Na logo – es nützt der Seele, damit durch die Gegend zu fahren. Vehikel? Auch, und zwar immer noch. Dank 58 PS aus einem 1,5-Liter-Vierzylinder, voll restaurierter Mechanik und stets überwachenden Augen des Teams der historischen Sammlung von Seat unter der Leitung von Isidre Lopez.


Mit 1.750 Liter Laderaum war der Seat weit vorne

Aber langsam – wie kommt so ein rares Schätzchen mal eben nach Norddeutschland? Mit dem Lastwagen. Seat nimmt zwei bis dreimal pro Jahr an Oldtimerrallyes teil – schließlich haben die Spanier in Barcelona eine mehr als 260 Autos umfassende Sammlung von Klassikern, Prototypen und Concept Cars. Lopez fand den bereits halb-restaurierten 1400 B Commercial im vergangenen Jahr bei einem Citroën-Händler, der den Wagen eigentlich für seine Frau fertig machen wollte. Das Blech hatte er bereits bearbeitet, Lack in Originalfarbe auftragen lassen, da starb die Dame und der Händler gab sein Vorhaben auf. Lopez kaufte das Auto für 12.000 Euro und bearbeitete oder ersetzte die gesamte Mechanik. Rund 70.000 Euro steckte er hinein – heute ist das Auto unbezahlbar.

Kein Grund, es zu verstecken – erst recht nicht, wenn die größte norddeutsche Oldierallye ruft, die Hamburg-Berlin-Klassik, die diesmal von Berlin über Wolfsburg (Jubiläum 15 Jahre Autostadt) nach Hamburg führte. Und das Auto sorgte für Aufsehen – meistgehörter Satzfetzen: „…nie gesehen…“. Kein Wunder – Seat verkauft erst seit 1983 Autos in Deutschland.

Schlicht und zweckmäßig: Der 1400 B Commercial war nicht zum Flanieren und Präsentieren gedacht.
Schlicht und zweckmäßig: Der 1400 B Commercial war nicht zum Flanieren und Präsentieren gedacht.
Der Seat zeigt sich nur kurz öffentlich.

Also hinein in das erstaunlich hochbeinige, dreitürige, hinterradgetriebene „Commercial Utility Vehicle“. 570 Kilogramm durfte es einst schleppen, vielleicht scheinen deshalb die Federwege (vorne Einzelradaufhängung, hinten eine Kombination von Blatt- und Schraubenfedern) lang zu sein. Waren (heute eher Reiseutensilien) finden Platz auf 2,35 Quadratmeter ebenem Boden, insgesamt 1.750 Liter Laderaum stehen zur Verfügung. Die zweite Sitzreihe besteht aus einer einfachen Sitzbank, deren Lehne komplett umgeklappt werden kann. Der Zugang erfolgt über eine zwei­geteilte Hecktür – „noch seltener als selten“, sagt Lopez, „denn normalerweise wurde der Commercial mit einer einteiligen Tür ausgeliefert, die nach links aufschwang.
“Wir lassen uns auf einer durchgehenden Kunstleder-Sitzbank ohne jeglichen Seitenhalt nieder und klemmen uns hinter das riesige Lenkrad mit dem herrlichen Hupring. Dann werfen wir die Türen zu, die sehr metallisch und satt in die einfachen Schlösser fallen. Das Zündschloss steckt in der Mitte des Armaturenbrettes, gestartet wird das Auto über einen Zugschalter.

Und dann heißt es: Beine sortieren.

Das Gaspedal kommt in einem merkwürdigen Winkel aus dem Boden, was Knie und Fußgelenk gleichermaßen malträtiert. Kupplungs- und Bremspedal sind weder stehend noch hängend angebracht, sondern kommen nahezu frontal aus der Stirnwand im Fußraum. Das bedingt, dass der Fahrer die Füße jedes Mal anheben muss, um sie zu bedienen. Machbar, aber doch sehr ungewohnt – manche SUV-Fahrer wissen gar nicht, wie gut sie es dank moderner ergonomischer Erkenntnisse heutzutage haben…
Die Viergang-Lenkradschaltung dagegen bietet keine Überraschungen, sie lässt sich gut bedienen, wenn man etwas Druck beim jeweiligen Gangeinlegen ausübt. Der erste Gang ist nicht synchronisiert, was aber auch nur bedeutet, dass er ohne Krachen einzig im Stillstand eingelegt werden kann.

Keine Panne auf schnellen 700 Kilometern

Erstaunlich, wie gut der 58-PS-Motor zieht und seine Kraft an die Hinterräder abgibt. Ein Weber-Vergaser versorgt den Zweiventiler mit Sprit aus einem 55-Liter-Tank, und das nicht zu knapp: Auf dem Papier konsumiert der Vierzylinder elf Liter auf 100 Kilometer, wir müssen wesentlich mehr nachgießen und kommen auf rund 20 Liter. Und verzeihen es genauso schnell – so ein Auto rechnet man nicht in Litern, sondern in Mußestunden.

Der 1400 B Commercial zeigt sich extrem fit, sodass das begleitende Seat-Team nicht ein einziges Mal eingreifen muss. Die bei Rallyes üblichen Sonderprüfungen – eingeleitet durch Überfahrt eines Schlauches oder Durchfahrt einer Lichtschranke – meistert der Spanier problemlos, auch wenn überhaupt nicht einsehbar ist, wo die fetten Chromstoßstangen nach US-Vorbild anfangen. Überhaupt stylte Fiat-Chefdesigner Dante Giacosa die Basis Fiat 1400 (Fiats erste Neukonstruktion nach dem Zweiten Weltkrieg) in Anlehnung an den US-Geschmack – viel Chrom, breites Maul. Seat veränderte das Fiat-Kühlerdesign etwas und pflanzte eine eigentlich viel zu große „Kühlerfigur“, die an ein stilisiertes Flugzeug erinnert, auf die schwere Motorhaube.

Mehr als 700 Kilometer scheuchen wir den Veteranen von Berlin über Tangermünde, Stendal, Klötze, Wolfsburg, Werningerode und rund um den Brocken bis auf 1.000 Meter Höhe, Goslar, Wolfenbüttel und Soltau nach Hamburg – das Auto lässt nicht nach. Wir schon: Die Zwangsstellung der Beine lässt bald Gelenke schmerzen.Das Auto hat gewonnen…

Seat 1400 B Commercial:
  • Baujahr: 1959
  • Baujahr: 1959
  • Motor: Vierzylinder
  • Hubraum: 1395 ccm
  • Leistung: 43 kW (58 PS) bei 4600/min
  • Getriebe: Viergang-Handschaltung
  • Antrieb: Hinterräder
  • Länge/Breite/Höhe: 4320/1660/1575 mm
  • Gewicht: 1090 Kilo
  • Radstand: 2650 mm
  • Reifen: 5,90/14
  • Sitzplätze: 4
  • Kofferraum: 1750 Liter
  • Ebener Boden: 2,35 Quadratmeter
  • Max. Beladung: 570 Kilo
  • Top-Tempo: 120 km/h
  • Angegebener Verbrauch: 11 Liter Benzin/100 km
  • Gemessener Verbrauch: rund 20 Liter
  • Preis (1957): 140.000 Pesetas

Text: Roland Löwisch

Fotos: Uli Sonntag/Sven Krieger/Roland Löwisch

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